29.09.11
Weltrekord – Ich war dabei
(M)ein ganz persönlicher Bericht vom 38. Berlin-Marathon
Berlin – Was für ein Lauftag, Berlin zeigt sich von seiner besten Seite, blauer Himmel und Sonnenschein, 40.000 auf und eine geschätzte Million Menschen neben der Strecke, die Weltklasse am Start, die Haile, Patrick, Irina, Paula und wie sie alle heißen, die Helden der Straße - und ich mittendrin, mein erster Marathon. Okay, nicht ganz mittendrin, Block G, der vorletzte, zweite Welle.
Aber der Reihe nach: Der Marathontag beginnt um 6 Uhr, ich habe wider erwarten gut geschlafen, jetzt noch ein leichtes Frühstück. Katrin und Mike, meine Tochter und ihr Freund, extra aus England angereist, werden später nachkommen und mich an der Strecke unterstützen. Die beiden haben am ersten Tag den Berlin-Marathon Inlineskating erfolgreich gefinisht, das motiviert zusätzlich. Für heute gilt sowieso: „DNF is no option“. Punkt 7 Uhr, ich mache mich auf den Weg zur U-Bahn, zwei Stationen, Friedrichstraße, aussteigen. Jetzt zu Fuß zum Reichstag, auf den umliegenden Straßen sieht es aus, wie auf einer Pilgerreise. Dabei ist der Papst doch schon wieder weg. Um hier nicht überrannt zu werden, nehme ich eine Nebenstraße. Das Start- und Zielgebiet habe ich mir am Vortag schon angesehen, daher finde ich das Zelt für die Kleiderabgabe ohne Probleme. Alles klappt reibungslos, zehn Minuten später stehe ich in meinem Startblock, noch 45 Minuten bis zum ersten Start, Zeit sich umzublicken. Irgendwie hat man den Eindruck, hier findet die dänische Marathonmeisterschaft statt, es wimmelt von Dänen. „Genießen Sie diesen Lauf“ hallt es aus den Lautsprechern. Nichts anderes habe ich vor, wohl wissend, dass ich das mit dem Genießen bei Kilometer 35 etwas anders sehen werde.
Noch zehn Minuten bis zum Start, gespenstisch still ist es jetzt, ringsum Anspannung, in der Luft das pure Adrenalin. Dann wird es schlagartig laut, der Moderator begrüßt die Weltrekordler Haile Gebreselassie und Paula Radcliffe, Jubel im Startbereich. Dann der Startschuss, rote Luftballons steigen auf und - nix bewegt sich, also hinten bei uns, vorne schon. Dann doch, exakt 16 Minuten später, ich überquere die Startlinie. Let's get ready to rumble! Ich fange an zu laufen, so gut es eben geht, Platz hat man hier noch nicht wirklich. Die ersten 2,5 km werden auf der Straße des 17. Juni gelaufen, vorbei an der „Goldelse“, immer schnurgeradeaus. Dann um den Tiergarten herum, durch die Stadtbezirke Alt-Moabit und Mitte in Richtung Friedrichshain. Ich habe inzwischen meinen Rhythmus gefunden, liege in meinem Zeitplan. Kilometer 10, das Feld ist immer noch dicht beisammen, meine Durchgangszeit 54:49 Minuten, es läuft.
Weiter geht es über Neukölln nach Kreuzberg, entlang der Strecke ausgelassene Stimmung, Musikgruppen an jeder Ecke, an die 60 sollen es sein. In Schöneberg, Potsdamer Straße dann die Halbmarathonmarke bei 1:54:32 Std. erreicht, ich fühle mich (noch) richtig gut, laufe jetzt meine schnellsten fünf Kilometer. Danke ihr 30-Kilometer-Trainingsläufe rauf zum Rennsteig, und ich habe euch so gehasst. Dann ein Schild am Straßenrand: Patrick Makau läuft Weltrekord! Noch ein Motivationsschub, nehme ich gerne mit. Kilometer 30, Zehlendorf ist erreicht, Durchgangszeit 2:43:20 Std. Ein Krampf in der linken Wade kündigt sich an, ich lasse es etwas langsamer angehen und er lässt sich gut zureden. Zwei, drei Kilometer später, Charlottenburg, der Krampf hat aufgegeben, ich denke nicht daran, lege wieder etwas an Tempo zu, auch wenn die Beine jetzt massiv protestieren. No pain, no glory!
Kilometer 34, der Ku’damm, es läuft wieder rund, sofern man jetzt noch davon sprechen kann. Hej, wo ist eigentlich der Mann mit dem Hammer, müsste der hier nicht irgendwo lauern? Anscheinend hat er Besseres zu tun, mich lässt er jedenfalls unbehelligt durch. Gedächtniskirche, Potsdamer Platz, dann der Gendarmenmarkt. Kilometer 40 passiere ich bei 3:39:59 Std. Noch zwei, drei Ecken, noch mal unter dem Schlauch der Berliner Feuerwehr durch und dann: Unter den Linden - die ewig lange Zielgerade. „Ihr seid Helden! - You’re all heroes!“, der Spruch an der Erdinger Power Zone kam mir gerade recht. Noch 500 Meter, die letzten Reserven, da ist es.
Das Tor, das Brandenburger Toooor. Durch. Die letzten Meter. Das Ziel. Das Ziel. Das Ziel! Jetzt noch die Beckerfaust geballt, ein Lächeln versucht, und dann bin ich drin, ein feuchtes Glänzen in den Augen. Ich habe in 3:52:07 Stunden gefinisht - die Drei steht und meinen ersten Marathon kann mir niemand mehr nehmen! 42.195 Meter Volksfest und immer noch keine Schmerzen. Na gut, ein paar schon, nicht der Rede wert, mehr ein beginnender Muskelkater. Wer sagt eigentlich, dass der erste Marathon etwa so brutal ist, wie vier Stunden nonstop Modern Talking zu hören? Der Rest wie im Rausch, jemand hängt mir die Medaille um, okay, werde ich mir später genauer ansehen, ist ja jetzt meine. Dann langsam die Versorgungsgasse lang, es gibt eine hässliche Plastikfolie, dann Wasser, Iso, Tee, Äpfel, Bananen, Kekse, das obligatorische Erdinger literweise. Von wegen Highway to Hell, kommt mir im Moment eher wie der Himmel auf Erden vor.
Nach dem Duschen erfahre ich, dass Haile aufgegeben hat, wohl wegen Atemproblemen, sagt man. Ich denke, ich war heute einfach besser als er. Ich habe Haile geschlagen.
Aber im Ernst, es war ein tolles Rennen, für die Stars - und für alle anderen auch. Ein Lauf, der in Erinnerung bleiben wird. Patrick Makau stellt in 2:03:38 Stunden einen neuen Weltrekord auf und gewinnt vor Stephen Kwelio Chemlany und Edwin Kimaiyo. Eine Viertelstunde später läuft Florence Kiplagat (alle Kenia) ein, auch sie mit fantastischer Zeit, dann Irina Mikitenko aus Gelnhausen, die Britin Paula Radcliffe wird Dritte. Und ich - ich bin auch ein Stückchen Weltrekord! >>Bilder
Bericht: Andreas Kerber
Ergebnisse unter: www.mikatiming.de